Sunday, 5 September 2010

englische Studien

anfangs August 2010


So sieht eine Toilette am Arsch der Welt aus. In einer Pension namens Guru Ben's sind wir für einige Nächte untergekommen. Der kleine Fischerort Lamalera auf der Insel Lembata gehört zum Solor Archipel und ist wohl der Punkt unserer Reise, der am weitesten von Biel/Bienne entfert ist. Was wir in Lamalera fantastisches erleben konnten, habe ich schon in www.vadrouilleasiatique.blogspot.com beschrieben.

Dies hier ist die Kehrseite.

Unser Zimmer ist winzig und das einzig Gute daran ist das Moskitonetz, welches uns von aller Art Ungeziefer schützt. Das Risiko des Diebstahls nehmen wir in Kauf und lassen das Fenster die ganze Zeit geöffnet. Schliesst man es, erhitzt sich der Raum dermassen, dass man sich in eine Sauna versetzt fühlt, wo ein Irrer andauernd Wasser aufgiesst und dazu mit seinem Handtuch wedelt.

Obwohl wir eigentlich gar kein Wasser im Zimmer haben. Wie fast immer in Indonesien liegt unsere Toilette irgendwo anders. Diesmal in einem die Küche angrenzenden Raum. Dusche und WC sind hier getrennt, was wir immer begrüssen. Nach einer englischen Studie kann ein Urinstrahl, der auf den nackten Keramik abgefeuert wird, Spritzer von bis zu sieben Meter von sich geben. Was sagt uns das:


1. In dieser Toilette hier (siehe Foto) sicherlich die Hände nicht im kleinen Becken daneben waschen. Dort ist wahrscheinlich mehr Pisse als Wasser drin.


2. Unsere Mutter war im Recht, als sie meinen Bruder und mich zu Sitzpinklern machte.


3. Stehpinkler sollten öfters ihre Hosen waschen. Wer schon mal mit Shorts in ein Pissoir gepisst hat, weiss von was ich rede.


4. Wenn im Stehen gepinkelt wird, dann muss man unbedingt ins Wasser zielen.


5. In England wir definitiv zu viel Geld ausgegeben für unnütze Studien.


Die traditionelle Dusche in Indonesien nennt sich Mandi. Das Mandi besteht aus einem grossen Eimer, der mit Wasser gefüllt wird und einem kleinen Eimerchen, welches zum abduschen verwendet wird. So ein Mandi liegt hier im Nebenraum der Toilette, also fernab von Urinspritzer. Das ist aber nicht immer so. Meist ist das Mandi im selben Raum wie das Loch, was das Duschen nicht unbedingt zu einem Vergnügen macht.


Heute


Gestern Abend sind wir in Tentena angekommen. Das liegt irgendwo auf einer Hochebene in Sulawesi. Nachts wird es ziemlich kalt. Die Frau des Hotels Victory hat uns zwei Zimmer gezeigt, die identisch waren. Doch eines verfügt über Warmwasser und kostet 25'000 Rupien (weniger als Fr. 4.--) mehr. Wir handelten den Zimmerpreis um genau diesen Preis runter und gönnten uns gestern Abend eine heisse Dusche, die Erste seit über zwei Monaten.



Friday, 13 August 2010

Bemo fahren in Ost Flores

Hello Mister, wie ist dein Name?

Hello, ich heisse Oli. Und du?

Mein Name ist Ela, antwortet die Frau auf dem Vordersitz mit dem Baby auf dem Schoss.

Ist das dein Baby?

Ja, sie heisst Daisy.

Nett. Hast du noch mehr Kinder.

Ja, einen Jungen. Er ist acht und ist jetzt in der Schule.

Ah, sehr gut. Und wie heisst dein Junge?

Micky.

Und ihr wohnt dann wohl in Entenhausen, denke ich mir.



Eigentlich habe ich ja die 25 km lange Strecke auf mich genommen, um in Maumere meine Mails zu checken, genauer doch um zu sehen, ob es die Hinterwäldler-Botschaft endlich geschafft hat, mir zu schreiben, ob wir das Visa für Timor Leste erhalten oder nicht. Auf dem Antragsformular stand, dass dieser Prozess bis zu zehn Tagen dauern könne, jetzt warten wir aber schon einen vollen Monat auf die Antwort. Nach zwei Wochen hatte ich eine Bestätigung erhalten, dass unsere Anfragen registriert seien, doch seitdem herrscht Funkstille.

Natürlich war keine Mail von den Hinterwäldlern eingetroffen. Ich verlasse das Internetcafe und mache mich auf den Weg zur Hauptstrasse, wo ich ein Bemo zurück zu unserem Strand nehmen will. Ein Bemo ist ein farbiger Minibus mit etwa acht Sitzplätzen. Ich stelle mich an die Strasse und winke das erste, ein weisses Bemo heran, was eigentlich nicht nötig ist, denn sie halten sowieso um zu fragen, ob man nicht einsteigen möchte. Ich steige also ein. Ich sehe lauter Gesichter von Schulkinder, die mir ein "Hello Mister" entgegen brüllen. Ich kann es aber nicht hören, da im Bemo Techno gespielt wird, dessen Lautstärke die Schmerzgrenze überschreitet. Selbst wenn ein Düsenjet nun unmittelbar neben mir starten würde, könnte ich den nicht hören, geschweige also das "Hello Mister". Ich winken den Kinder zu und alle freuen sich. Ein Bemo wird jeweils von einem oder zwei Jugendlichen begleitet, die einkassieren, Passagiere suchen und beim Auf- und Abladen helfen. Ausserdem sind diese Jugendliche immer bester Laune. Dieser eine in meinem Bemo gibt sich dem Techno also völlig hin und tanzt fast ekstasisch an der offenen Eingangstüre hängend. Schon nach wenigen Sekunden biegt das Bemo von der Hauptstrasse ab, fährt eine Nebenstrasse hoch, biegt in einen Holperpfad ein und bringt ein Kind bis zu seinem Haus. Er wendet sein Techno-Geschoss halb in den Graben, schafft es aber, wieder auf den Pfad, auf die Nebenstrasse und schlussendlich auf die Hauptstrasse zurück zu kommen. Dies wiederholt sich genau so oft wie die Anzahl der Kinder im Bemo. Nach einer Weile stoppen wir im Terminal. Die weissen Bemos sind nur für den Stadtverkehr. Wenn ich aus der Stadt hinaus will, muss ich die entsprechende Farbe Bemo besteigen. Ich will in den Osten, also ein Blaues. Ich steige sofort in ein blaues Bemo ein und merke, dass ich nun einen grossen Fehler gemacht habe.


Es ist noch halbleer. Ich kann mir nicht vorstellen, wo in diesem Bemo die Boxen verstaut sind um so einen Bass zu produzieren. Es läuft Reggea, aber der Bass übertönt alles. Wir fahren zur Hauptstrasse, wo der Trottel von Fahrer in der Sonne hält. Zwei Schulmädchen steigen zu.

Hello Mister

Hallo, wie geht's?

Mir geht es gut, danke

Siapa nama kamu?, frage ich dann in Bahasa Indonesia nach ihrem Namen.

Mein Name is Frana Kiola Noia Ufolionio Kamasupitera, aber sie können mich Fran nennen.

Hallo Fran, freut mich, mein Name ist Oli.

Die Mädchen kichern und überlegen sich wohl, was sie mich noch fragen könnten und wie ich es schon geahnt hatte kommt:

Hey Mister, woher kommen sie?

Switzerland, und du?

Sie schaut mich mit grossen Augen an und ich kann ihr ansehen, was sie denkt. "Ist der blöd oder was?"

Von hier, kommt dann ihre Antwort.

Das Bemo fährt los, dreht aber um und fährt zurück zum Terminal. Der Fahrer schaut, ob er noch irgend jemanden mitnehmen kann. Die Fahrt mit dem Bemo kostet 5000 Rupien (60 Rappen), ist also verständlich,dass er nicht halbleer losfahren will. Beim Terminal steigt niemand zu, da dort schon etwa sieben andere blaue Bemos bereit stehen. Also beschliesst er wieder zurück zur Hauptstrasse zu fahren und die Karre wieder in die sengende Sonne zu stellen.

Ich sehe ihn schon von weitem, er mich auch. Er kommt auf mich zu. Seine Haare sind kurz geschoren und dreifarbig gefärbt, wahrscheinlich noch ein Überbleibsel der WM und er scheint für Deutschland gewesen zu sein.

Hallo mein Freund, wie geht es?, fragt er mich.

(ich wünschte du würdest in deinem Laden bleiben und dich weiterhin voll laufen lassen) Gut und dir?

Gut, wohin gehst du?

(Das geht dich jetzt wirklich einen Scheiss an) Ahuwai Beach.

Woher kommst du?

(du elende Nervensäge, weisst ja eh nicht wo das liegt) Schweiz.

Ah 1:0 gegen Spanien. Gutes Team.

(Ah, so blöd ist der doch nicht, immerhin weiss er,dass wir den Welt- und Europameister geschlagen haben, was uns quasi zu beidem macht). Nette Frisur, du warst für Deutschland?

Yes, Muller, Close und Swines-tiger, er streckt seinen Daumen in die Höhe.

(Ja ja, der Schweine-Tiger schmunzle ich vor mich hin, weil ich jedes Mal wenn ich den Namen Schweinsteiger höre, daran denken muss, was sein Ur-Ur-Ur-Ur-Grossvater wohl gemacht hat, um diesen Namen zu erhalten.)


Wir fahren weiter, ich stecke ihm ebenfalls den hochgehaltenen Daumen entgegen. Das Bemo kehrt wieder und fährt zurück zum Terminal. Dort steigt natürlich wieder keine Sau ein. Ich fasse mich kurz. Unten bei der Kreuzung angelangt, steigt ein junger Bursche in Schuluniform zu. Das Gespräch wiederholt sich. Das Bemo setzt sich in Gang und will schon wieder umkehren. Ich rufe Stopp und steige aus. Ich bin ja schlauer als die, denke ich mir und marschiere los, der Hauptstrasse entlang. Ich werde an der Hauptstrasse ein blaues Bemo stoppen, denn dieses wird nicht mehr hundert Mal in der Stadt herumkurven. So war es auch. Ich ging nicht lange und schon kam ein blaues Bemo angerast. Ich winke, der Fahrer hält und ich steige ein. Ich ergattere den neunten Sitzlatz auf einem Schemel im Gang. Gepolster mit einem durchgesessenen Schaumstoffkissen, mit einem Winnie Pooh-Bezug. Ich lobe mich selbst, weil ich mir denke, dies Bemo sei nun voll und wir würden in direkter Fahrt bis zu meinen Strand fahren. Doch falsch gedacht. Nach ein paar Minuten schon halten wir in dem kleinen Dorf, wo immer Markt statt findet. Leute steigen zu und schon bald sind wir zwölf Erwachsene und vier Kinder plus natürlich den Fahrer und die zwei Begleiter (und man erinnere sich, dass ich ganz oben im Text geschrieben habe, dass so ein Bemo über acht Sitzplätze verfügt.) Wir fahren drei Meter und stoppen wieder. Der Begleiter fordert mich und den Mann neben mir auf, noch ein bisschen zu rutschen. Eigentlich sitzt er schon jetzt fast auf meinem Schoss, denke ich mir und rutsche so gut ich kann nach links. Er nach rechts. Nun ist tatsächlich eine Lücke von 13 cm zwischen uns entstanden. Und da kam sie. Die wohl fetteste Person des Dorfes, wenn nicht des ganzen Bezirks. Oh nein, ich will nicht den Pottwal auf meinem Schoss. Doch die Fette sieht es selbst ein, dass dies ein unmögliches Unterfangen wäre. Sie zitiert ein hageres Männchen von der Vorderbank nach hinten und quetscht sich vorne ins Bemo. Das hagere Männchen drückt sich seinerseits auf die 13 cm Sitzplatz. Die Fette hat dazu noch jede Menge Gepäck mit. Säcke voller Mehl und Reis und Zucker werden auf das Dach gebunden, Schnüre und Seile dafür durchs Auto hindurch gezogen. Ein getrockneter Fisch und weitere Einkaufstasche, wahrscheinlich gefüllt mit süsser Kondensmilch und Bicuits, werden ebenfalls auf das Dach gehievt und festgezurrt. Dies dauere sicher 20 Minuten und alle sind sichtlich froh, als wir dann endlich losfahren und ein bisschen Fahrtwind ins Gesicht kriegen. Doch die Freude ist kurz. Und ich schwöre, wir sind nicht mehr als 150 Meter gefahren, da will der Vollidiot, der ganz hinten im Bemo sitzt aussteigen. Ich kann es nicht glauben und noch weniger begreife ich es, dass die Mitpassagiere das so einfach hinnehmen. Der Pottwal steigt aus, danach ich, das hagere Männchen, die Frau hinter mir, dann eine Grossmutter mit einem Kleinkind, dann noch ein Typ, dann der Vollidiot. Der "leere" Platz wird sofort durch jemand Neues ersetzt und alle steigen wieder ein. Die Fahrt geht aber nicht sofort los, denn erst muss der Fisch, die Kondensmilch, das Mehl, der Zucker und der Reis entladen werden, da das Gepäck des Vollidioten darunter liegt. Nach einer weiteren Viertelstunde ist alles wieder verstaut. Ich schwitze wie ein Schwein, aber ich bin nicht der Einzige.

Ich bin mir ja mittlerweile ganz sicher, dass eine Reise wie die unsere den Geruchssinn schärft. Ich kann nun viele Gerüche unterscheiden und auch ziemlich genau zuordnen, woher sie kommen. Ich weiss also mit Sicherheit, dass das Baby auf Grossmutters Schoss hinter mir in die Hosen geschissen hat. Ich weiss, dass der Zitronen-Lufterfrischungsbeutel, der am Innenlicht baumelt, leer ist. Das hagere Männchen neben, bzw. auf mir sollte mal seine Unterhosen wechseln. Ich ordne den Uringestank ihm zu und obwohl der Pottwal vor mir sitzt, bin ich mir fast sicher, dass sie Zwiebeln wie Äpfel isst.

Die Fahrt geht also weiter. Wir stoppen nach einer Minute. Diesmal will aber niemand aussteigen. Die Begleiter hüpfen vom Trittbrett und schnappen sich die Schläuche, um mehr Luft in die Reifen zu pumpen. Wen wundert's, denn schliesslich haben wir ja einen Pottwal an Bord genommen.

Ich bin jetzt seit fast einer Stunde in diesem Bemo und meinem Ziel noch keine zwei Kilometer näher. Das absolut Grauenhafteste aber ist nicht der Gestank, nicht die Hitze, auch nicht das Gedrücke. Es ist definitiv die Musik. Die Musik ist Folter und verstösst garantiert gegen irgend ein Menschenrechtsgesetz. Ich wünsche mir den Düsenjettechno zurück. Indonesische Volksmusik. Eine fiese Mischung aus Hansi Hinterseher und Nana Mousskouri (keine Ahnung wie sich das schreibt, denke mir mit "ou" wie Moussaka) vermischt mit einem La Paloma Blanca Rhythmus. Die Lieder dauern eine Ewigkeit und das hagere Männchen quietscht mit gequälter Stimme in mein Ohr. Keine Ahnung, wovon gesungen wird, aber es muss der pure Herzschmerz sein. Es ist schrecklich. Doch wir sind jetzt in Fahrt. Endlich. Das Bemo ist nun so voll, dass kaum mehr Fahrtwind zu uns nach hinten dringt. Die Strasse ist gut, für indonesische Verhältnisse, immerhin befinden wir uns ja auf dem Trans-Flores-Highway (on a trans-flors-highway, cool wind in my hair, warm smell of co... - lassen wir das). Der Trans-Flores-Highway ist nicht eine Autobahn oder eine Hauptstrasse wie in unserem Sinn. Vielerorts kann nicht mal ordentlich gekreuzt werden. Aber der Highway ist durchwegs geteert, was aber nicht heisst, dass mein Arsch nicht schmerzt. Im Gegenteil, er schmerzt höllisch. Auf der Reise habe ich ein bisschen Gewicht verloren, war wahrhaftig nicht schadet, aber es hätte nicht unbedingt am Arsch sein müssen. Ich überlege mir, ob da nicht ein Fehler in der Evolution aufgetreten ist. Ein Mann im Bieralter sollte fähig sein, auf dem Bauch zu sitzen. Der wäre wenigstens gepolstert. Da das hagere Männchen mit seinen verpissten Unterhosen auf meinem rechten Oberschenkel sitzt, ist es mir auch unmöglich meine Sitzposition zu verändern. Es bleibt mir also nicht anderes übrig, als die restlichen 22 Kilometer abzusitzen, die Musik tapfer zu ertragen und zu versuchen, soviel Wind in mein Gesicht zu kriegen wie nur möglich. 45 Minuten später sind wir dann am Wegmarker 25 und ich steige aus. Natürlich muss dafür erst der Pottwal aus dem Bemo klettern. Ich bin an meinem Ziel und stelle fest, dass wenn man mal losfährt, die Fahrt zügig von statten geht. 23 km in 45 Minuten ergibt immerhin einen Schnitt von 30 km/h. Ich drücke einem der Begleiter die 5000 Rupien in die Hand, dieser übergibt sie dem zweiten, dieser wiederum dem Fahrer. Und dank den Hinterwäldlern von Timor Leste darf ich diese Fahrt schon bald wieder wiederholen. Terima Kasih und bis bald.

PS: Ich weiss, dieser Text hat nicht mit Toiletten zu tun. Die einzige Verbindung die gezogen werden könnte, ist dass ich diese Fahrt als beschissen befand. Die Diskussionen im Text fanden natürlich in Englisch statt, zur allgemeinen Verständlichkeit habe ich sie hier aber in deutsch geschrieben. Die Texte in Klammern sind jeweils meine Gedankengänge.